Olympia Bob Run  St.Moritz - Celerina CH 2000
Bobfahrt auf Gras

"Auf der St. Moritzer Bobbahn stößt der Engadinwanderer, der die steil gemauerten Kurven bestaunt und sich ausmalt, wie die Bobs hier im kalten Winter um die Corner flitzen auf Kunst. Daniel Zimmermann legte mit 10`000 Holzlatten die Spur nach, die der Bob beim Hinuntersausen in die Bahn schneidet, fotografierte den Holzweg, räumte ihn wieder ab und installierte an aussichtsreichen Stellen 3D-Betrachter. Wenn der Neugierige jetzt in die Sehmaschinen schaut, spürt er im unregelmäßigen Übereinander der Latten die flatterhaft schnelle Fahrt."

Cordula Seger
in Hochparterre, Publikation für Gestaltung und Architektur

Bobrennen im Sommer

2:07 Min. dauert das Video, 1:04:54 Min. die Talfahrt - Rekord für den Bob, der hier im Sommer die Olympia-Strecke von St.Moritz nach Celerina hinunterrast: 1,8 Kilometer ratternde Fahrt durch eine Landschaft, die sich in grüne Schlieren verzieht, 1,8 Kilometer Vorbeikurven an Kuhweiden, Zaun und Tanne. Die Ohren füllt ein rhythmisches Dröhnen, das Geräusch sich reibender Kufen und sich überschlagende Stimme des begeisterten Speakers.  Das Video folgt den Regeln der Sportreportage: Die Kamera versetzt uns an Pilotenstelle, und wir starren angestrengt über runden Bug des Kunststoffschlittens. Vorbei zieht die mit Bruchsteinen verkleidete Kurve, wir gleiten zitternd über ein Feld gekappter Geraden,
Verkörperung einer flatternd schnellen und doch zielstrebigen Fahrt.

Eingeladen ans Festival der Künste in St.Moritz, brachte Daniel Zimmermann sein favorisiertes arbeitsmaterial mit: 2,7 Meter lange Gipserleisten. Schon auf dem Bauplatz des Bieler Centre PasquArt und am Mondsee hatte er damit Felder und Plätze belegt und über die leeren Orte eine nachdenkliche visuelle Ordnung geschichtet, die sie für kurze Zeit aus dem Alltag hob. Die berühmte St.Moritzer Bobbahn hingegen verführte ihn zu eine humoristischeren Vorgehen. Mit Hilfe seines Freundeskreises aus Tanz, Theater, Musik zeichnete er am Berg eine spur aus an die 10`000 Fichtenlatten, wie sie ein holz- statt funkenstiebender Bob im rausch der Geschwindigkeit hinunterlassen könnte.

Das war ein durchaus sportliches Unternehmen - nicht nur der Ausdauer halber, die eine Woche Schleppen, Klettern und Schrauben den jungen Leuten abverlangte. Sportlich auch in der Verausgabung körperlichen Energien und finanzieller Ressourcen für ein Ziel, das man vor lauter Abstraktheit eigentlich nur absurd nennen kann: die Geschwindigkeit zu kennzeichnen, sie für einen Augenblick zu halten, der sich bald nur noch in der Erinnerung seiner zeugen bewahren würde.

Wie im Sport gibt es in der Kunst die Kamera, um vom erlebten zu erzählen. Das Rennen ist allerdings eine leicht durchschaubare, dennoch verblüffend glaubhafte und deshalb so komische Fälschung. Zimmermann hat das zu Fuß aufgenommene Bild am Computer beschleunigt und mit einer Tonspur unterlegt. Seine Informationen füllte er ins fürs Fernsehen entwickelte Format, dem Zuschauer immer zugleich Identifikation und Kommentar anbietend. Manchen, der sich den Künstler noch als Bohemien vorstellt, mag überraschen, als wie kompatibel sich die Systeme Sport und Kunst erweisen: An der Stelle des Sponsors erscheint das Logo des Schweizer Sportverbands, pardon, der Schweizerischen Kulturstiftung, die den Event unterstützt. Der Künstler nennt sich an Stelle des Drivers, als Steuermann des Unternehmens, der eine Crew von Supportern anführt. Wer weiß, wie Kunstschaffende um Stipendien und Aufträge kämpfen, wird das Video auch als boshafte Persiflage auf den Kunstbetrieb verstehen: Professionellen Sport wie professionelle Kunst konstruiert sich unsere Leistungsgesellschaft weit entfernt vom Zeitvertreib, den man doch seine Zweckfreiheit wegen leibt. Beide sind sie exemplarische Wettrennen, wo sich unsere Identifikationsfiguren wie die Avatare eines Videospiels gegenseitig zu übertrumpfen suchen. Und wo wir im wirtschaftlichen Wettbewerb oft mit dem Gebot der Nächstenleibe in Konflikt geraten und die Kunstleute sich genieren, können wir im Sport die Ranglisten offenherzig verhandeln: Verluste unverschämt betrauern, Versagen hämisch kommentieren, Siege kompensatorisch feiern.

Doch ist es tatsächlich ein Rennen, das uns Daniel Zimmermann mitfahren lässt? Der Speaker, die Zeichen der TV-Übertragung suggerieren das. Doch wo bleiben die Zuschauer, die Fans, die in der Zielgerade über die Banden lehnen? Die rumpelnde Fahrt mündet müde ins Leere: in Gras und Einsamkeit. Eine Geisterfahrt ist es auch, dieses Bobrennen im Sommer, als wäre es gar nie passiert. War alles für nichts? Der kleine Moment <danach> erzählt von der Trauer desjenigen, der sich verschenkt, sein Ziel erreicht hat - und am ende des Rausches wortwörtlich am Tiefpunkt angelangt ist. Vielleicht verdankt sich das flüchtige Heldentum ja auch nur der Vorstellungskraft von einem, der einsam trainiert für eine ferne Zukunft, der auf Abwegen sein Ziel verfolgt und sich ausmalt, wie einst eine jubelnde menge ihn empfangen würde? Der kindhaften Begeisterung folgt ein leises Gefühl von Lächerlichkeit; die Bahn spuckt auch uns aus ins ernüchterte Bewusstsein derer, die sich so gerne getäuscht sahen.

Annina Zimmermann
Studium der Kunstgeschichte in Bern und Basel; lebt in Basel als Kuratorin und Autorin.